Geschichte hautnah: 9b besucht Stadtarchiv

Wie sah die Gleichschaltung des nationalsozialistischen Regimes seit 1933 in Deggendorf aus? Wie ging man hier mit Minderheiten, wie Juden, behinderten Menschen oder anders Denkenden um? Das sind Fragen, die sich den Jugendlichen des Comenius-Gymnasiums ganz von selbst aufdrängten, als die 29 Schüler der Klasse 9b das Stadtarchiv mit ihrer Geschichtslehrerin Andrea Zellner besuchten. Freundlich empfangen wurde die Gruppe durch den Stadtarchivar Erich Kandler und Professor Lutz-Dieter Behrendt. Die beiden Vollblut-Historiker haben den Schülern einen sehr interessanten und etwas anderen Blick auf die Geschichte Deggendorfs und den Nationalsozialismus gewährt. Im Mittelpunkt der Exkursion stand die Lokalgeschichte Deggendorfs zur Zeit der Machtergreifung der NSDAP. Ein Ziel war dabei auch, die Schüler durch selbständiges Entwickeln von Fragen an die Quellen und eigenständigem Finden von Antworten, für das Thema zu motivieren und für Geschichte zu begeistern.
Die NSDAP feierte den 30. Januar 1933 als den Tag der „Machtergreifung“. Doch nicht sie hatte die Macht „ergriffen“. Hindenburg hatte Hitler lediglich die Kanzlerschaft und die Aufgabe der Regierungsbildung übertragen. Das war keine Revolution, es war ein Regierungswechsel auf formaljuristisch legalem Wege. Erst im Prozess der „Gleichschaltung“ der nächsten Monate vollzog sich die eigentliche Machtergreifung. Die Monate der Machtergreifung sollten die Schüler für die Stadt Deggendorf selbst erforschen.
Nach einem kurzen Fußmarsch durch das winterliche Deggendorf wurde die Klasse in zwei kleinen Gruppen durch das Archiv und die Bibliothek geführt. Sie konnten mittelalterliche Stadtpläne besichtigen und erfuhren auch Details über die Arbeit und die Aufgaben eines Archivars. Im großen Plenarsaal des Rathauses wurde die Klasse in sechs Arbeitsgruppen eingeteilt. Die Schüler beschäftigten sich dann eigenständig mit Themen wie der Gleichschaltung der Bayerischen Regierung und des Deggendorfer Stadtrates oder mit der Versorgungslage in Deggendorf während des Zweiten Weltkrieges. Auch die Ehrenbürgerschaften von Hindenburg und Hitler und das Auftreten der SA in Deggendorf zur Machtübernahme weckte das Interesse der Jugendlichen. Ebenso war die Verfolgung und die Diskriminierung von behinderten und kranken Menschen während der NS-Zeit ein Thema. Als Grundlage für die selbständigen Forschungsarbeiten diente den Schülern das Archivmaterial, das Herr Behrendt sorgfältig für sie ausgewählt und vorbereitet hatte. Nach ihren eigenständigen Quellenstudien hatte jede Gruppe die Aufgabe ihre Ergebnisse im Plenarsaal vor der gesamten Klasse und den beiden Archivaren zu präsentieren. Dabei kamen die Schüler zu dem Ergebnis, dass es viele Parallelen zwischen der Deutschen und der Deggendorfer Geschichte gibt. So konnten sie aus ihren Quellen erfahren, dass in Deggendorf, wie in 600 anderen deutschen Städten auch, Hitler und Hindenburg zu Ehrenbürgern ernannt wurden. Außerdem wies diese Arbeitsgruppe auch auf die Umbenennung der Straßen in Hitler- und Hindenburgstraße hin. Ebenso fanden die Schüler heraus, wie die NSDAP mit anders denkenden Parteien umging. Auch in Deggendorf wurden die Parteien, wie zum Beispiel die Bayerische Volkspartei oder das Zentrum, aufgelöst und ihr Propagandamaterial wurde zerstört. Zur „öffentlichen Sicherheit“ wurden auch Schutzhaftbefehle für Mitglieder der Kommunistischen Partei ausgestellt. Ebenso wurden keine Aufträge an Handwerker, die nicht der neuen politischen Vorstellung entsprachen, vergeben.
Eine weitere Gruppe stellte fest, dass auch in Deggendorf Männer direkt aufgefordert wurden, der SA beizutreten. Einer der interessantesten Themen war die Gleichschaltung des Stadtrates. Sehr schnell wurde nach der Machtergreifung der Bürgermeister ausgetauscht und alle Stadträte sukzessive soweit unter Druck gesetzt, dass am Ende des Jahres 1933 nur noch NSDAP-Mitglieder im Stadtrat saßen. Abgerundet wurde der Ausflug in das Stadtarchiv durch einen Vortrag von Herrn Behrendt, der es hervorragend verstand, die Forschungsergebnisse der Nachwuchshistoriker fachlich zu kommentieren und in sein Gesamtbild über diese Epoche einzubinden. Am Ende der Exkursion blieb die Erkenntnis, dass die Jugendlichen durchaus über die Lokalgeschichte für die Ereignisse der vergangenen Zeit zu begeistern sind.

Die Klasse 9b bei Professor Lutz-Dieter Behrendt im Stadtarchiv.